Menu
Grün

Jeder Baum zählt – der Kampf gegen die Folgen des Klimawandels

Wer schon mal durch eine Betonwüste wie St. Petersburg geschlendert ist, dem wird bei der Rückkehr in seine Heimat einmal mehr bewusst, wie grün doch Mönchengladbach ist. Unsere Stadt muss sich weder im nationalen noch im internationalen Vergleich verstecken. Neben den großen Waldbeständen sind es vor allem die Straßenbäume und Parks, die den Unterschied zu vielen anderen Städten ausmachen. Doch unsere Bäume leiden.

Bäume unter Stress

Generell sind vor allem Straßenbäume in ganz Deutschland seit dem Sommer 2018 zusätzlichen Belastungen ausgesetzt. Neben Abgasen und der Tatsache, dass Straßenränder keine optimalen Standorte für Bäume sind, nehmen die Sturmereignisse zu und es fällt das dritte Jahr in Folge zu wenig Regen. Diese äußerlichen Benachteiligungen sorgen dafür, dass vielen Baumarten die Kraft fehlt sich wie gewohnt gegen Pilze und Parasiten wehren zu können.

Eine Folge ist zum Beispiel: Ein Baum, der nicht ausreichend mit Wasser versorgt ist, kann kein Harz produzieren. Doch mit der Bildung von Harz wehren sich Fichten zum Beispiel gegen das Eindringen von Borkenkäfern. Parasiten und Pilze haben leider viel leichtere Angriffsflächen.

Besonders trügerisch ist ein Pilzbefall. Er ist für Laien oft gar nicht zu erkennen, kann aber bereits den Baum von innen oder im Wurzelbereich komplett zerstört haben.“

Jan Biehl, Leiter Grün und Baum bei mags

Der Umfang von negativen Einflüssen, die auf die Bäume wirken, wird als Komplexerkrankung bezeichnet. Sobald es Bäumen nicht gut geht, weisen sie vermehrt Totholz in den Baumkronen auf. Letztlich sterben sie vollständig ab. Vor allem im Straßenraum stellen kranke Bäume so eine große Gefahr dar. Um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten, ist eine Fällung oft unumgänglich.

Fällen ist die letzte Option

Ein abgestorbener Baum birgt Gefahren. Tote Äste können brechen und auf Fußgänger stürzen oder sogar der gesamte Baum. Deshalb sind die Baumpfleger der mags ständig im Einsatz und kontrollieren im Stadtgebiet von Mönchengladbach, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten. Sobald sie einen kranken Baum entdecken, wird dieser genauestens untersucht. So gibt es etwa spezielle Geräte, die die Restwandstärke eines Baums ermitteln. Manchmal reicht es, wenn durch eine intensive Kronenpflege das Totholz entnommen wird.

Wir versuchen alles, um eine Fällung zu verhindern. Denn eine Fällung bleibt das letzte Mittel.“

Jan Biehl, Leiter Grün und Baum Bei Mags

So funktioniert ein Zugversuch

Eine weitere Testmethode ist der sogenannte Zugversuch. Ob ein kranker Baum durch baumpflegerische Maßnahmen erhalten werden kann oder gefällt werden muss, darüber kann der Zugversuch Auskunft geben. Hierbei wird zuerst die Größe der Baumkrone ermittelt. Denn sie dient dem Wind als Angriffsfläche. Anschließend bestimmt man rechnerisch die auftretende Last bei Sturm indem man erfasst, wie stark sich die Baumkrone bei Windlast verformt.

Hierzu wird der Baum über einen Greifzug gezogen. Dabei misst man sowohl die Kraft, mit der der Baum gezogen wird (als Ersatzlast für Wind), als auch die Neigung des Baumes während des Versuchs. Die Ergebnisse geben Auskunft darüber, wie sich der Baum bei Sturm verhält. Droht er zu kippen oder bleibt er ausreichend fest im Boden verankert? Der Vorteil dieses Verfahrens: Es kann sogar bei stark unsicheren Bäumen gefahrlos durchgeführt werden, ohne den Baum weiter zu schädigen.

Die prominentesten Sorgenkinder und Rettungsversuche

Die mehr als 700 Jahre alte Winterlinde in Odenkirchen musste nach Sturmtief Friederike aufwendig gerettet werden.

Eine der aufwendigsten Rettungsaktionen haben die Baumexperten von mags im Frühjahr 2018 durchgeführt. Eine 700 Jahre alte Winterlinde drohte nach dem Sturmtief Friederike auseinanderzubrechen. Der wies mehrere Risse auf und auch die bisherigen Stützen des Sorgenkindes erfüllten nicht mehr ihren Zweck. Nach der Frostperiode wurde mehrere Tage lang um den Erhalt des Naturdenkmals vor der Laurentiuskirche in Odenkirchen gekämpft. Die Baumkrone musste um die Hälfte gekürzt werden, um wieder eine Stabilität in den Reststamm zu bringen. Die bisherigen Stützen waren morsch und wirkungslos.

Nach der Einkürzung des Stammes konnte die Winterlinde endlich wieder selbstständig stehen. Zur langfristigen Sicherung wurde anstelle der bisherigen Stützen eine Stahlseilkonstruktion eingebaut. Die Winterlinde hatte massive Faulstellen und Hohlräume reichten bis tief in den Wurzelstock. Ein Gurtband gibt dem Reststamm bis heute eine zusätzliche Stabilität und schützt das Naturdenkmal vor einem unkontrollierten Auseinanderbrechen.

Die etwa 160 Jahre alte Blutbuche (links) ist vom Fäulepilz Hallimasch befallen.

2020 ist ein weiteres Sorgenkind und Naturdenkmal dazugekommen. Eine rund 160 Jahre alte Blutbuche, die einen großen Kinokomplex in der Mönchengladbacher Innenstadt ziert. Im Gegensatz zu ihrem Nachbarbaum ist ihre Krone ziemlich kahl. Sie trägt nach dem Winter nur noch etwa 30 Prozent Laub.  Auslöser des Krankheitsbildes ist ein Fäulepilz namens Hallimasch. Aufgrund des Standorts der Blutbuche stellten ihre Totholzanteile und abgestorbenen Äste eine Gefahr für Fußgänger dar. So wurde der Baum zunächst abgesperrt, bis die mags-Baumpfleger mit Hilfe eines riesigen Hubsteigers das Totholz der Blutbuche entfernen konnten.

Buchen leiden deutschlandweit unter den Folgen des Klimawandels.

Um dem erkrankten Baum noch eine bessere Chance zur Erholung zu geben, wurde er in das Bewässerungsprogramm von mags aufgenommen.  Normalerweise brauchen so alte und großgewachsene Bäume keine zusätzliche Bewässerung, weil sie tief verwurzelt sind und dadurch auch in trockenen Zeiten an genügend Wasser gelangen. Doch die Bewässerung ist ein Versuch, es der unter Stress stehenden Blutbuche so etwas leichter machen. Ob der Rettungsversuch und die „Behandlung“ anschlagen, bleibt abzuwarten.


Gerade Buchen leiden deutschlandweit besonders unter den Folgen des Klimawandels. Besonders deutlich wurde dies in den vergangenen zwei Jahren im Mönchengladbacher Schmölderpark, wo Fällungen unausweichlich waren. Doch das Motto bleibt: Wir retten, was zu retten ist. „Die aufwendigsten Rettungsversuche sind immer noch günstiger als eine Fällung“, schildert Hanno Müller und geht dabei unabhängig von der emotionalen Bindung, die er zu Bäumen hat, auch auf den wirtschaftlichen Aspekt ein: „Deshalb kann ich auch nie den Vorwurf verstehen, dass wir uns mit der Holzwirtschaft bereichern wollen. Eher das Gegenteil sei der Fall. Der Markt ist völlig übersättigt. Alle Kommunen in Deutschland kämpfen mit den Folgen des Klimawandels und keiner wird so ohne Weiteres das kaputte Holz von kranken Bäumen los. “ 

Keine Kommentare

    Hinterlasse einen Kommentar